Wenn Geld zum Machtinstrument wird
Die Gehaltsabrechnung landet auf dem gemeinsamen Konto. Eine Person kümmert sich um Überweisungen, Verträge und Sparziele. Die andere verlässt sich darauf, dass alles passt.
Für viele Paare ist das gelebter Alltag. Doch wo endet Vertrauen? Und wo beginnt finanzielle Kontrolle?
Was passiert, wenn nur eine Person die Kontozugänge kennt? Wenn Ausgaben erklärt werden müssen? Wenn finanzielle Entscheidungen nicht mehr gemeinsam getroffen werden? Oder wenn die eigene Berufstätigkeit nicht erwünscht ist, weil dadurch die finanzielle Abhängigkeit geringer würde?
Die Grenzen zwischen Arbeitsteilung, Fürsorge und Kontrolle sind manchmal schmaler, als viele Menschen glauben.
Genau deshalb rückt ein Thema zunehmend in den Fokus, das lange wenig Beachtung fand: die ökonomische Gewalt.
Gewalt hat viele Gesichter
Wenn von Gewalt die Rede ist, denken die meisten Menschen zuerst an körperliche Übergriffe oder psychische Gewalt. Weniger bekannt ist, dass Gewalt auch über finanzielle Abhängigkeiten ausgeübt werden kann.
Ökonomische Gewalt bedeutet, finanzielle Mittel gezielt einzusetzen, um Macht über andere Menschen auszuüben, ihre Selbstständigkeit einzuschränken oder Abhängigkeiten zu schaffen. Sie geschieht oft schleichend und bleibt deshalb lange unsichtbar – für Betroffene ebenso wie für ihr Umfeld.
Gerade diese Unsichtbarkeit macht sie so problematisch. Denn was nicht erkannt wird, kann oft auch nicht verändert werden.
Wenn Geld zum Druckmittel wird
In vielen Beziehungen werden finanzielle Aufgaben aufgeteilt. Das ist weder ungewöhnlich noch problematisch.
Kritisch wird es dann, wenn Geld nicht mehr der Organisation des gemeinsamen Alltags dient, sondern zum Instrument der Kontrolle wird.
Das kann beispielsweise bedeuten, dass
- Kontozugänge vorenthalten werden,
- Ausgaben ständig gerechtfertigt werden müssen,
- das eigene Einkommen kontrolliert wird,
- finanzielle Informationen bewusst verschwiegen werden,
- eine Berufstätigkeit verhindert oder erschwert wird,
- Kredite oder Bürgschaften unter Druck entstehen.
Oft handelt es sich dabei nicht um einzelne Vorfälle, sondern um Verhaltensmuster, die sich über Monate oder Jahre entwickeln.
Warum viele Betroffene ihre Situation nicht erkennen
"So war das bei uns schon immer.“
Dieser Satz fällt in Gesprächen über ökonomische Gewalt häufig.
Finanzielle Angelegenheiten gelten in vielen Familien als Privatsache. Wer die Finanzen regelt, wird oft nicht hinterfragt. Viele Betroffene erkennen deshalb erst spät, dass bestimmte Verhaltensweisen keine normale Beziehungsdynamik mehr sind.
Hinzu kommen Schamgefühle, Unsicherheit oder die Sorge, nicht ernst genommen zu werden. Nicht selten wird das Ausmaß der finanziellen Abhängigkeit erst sichtbar, wenn eine Beziehung in eine Krise gerät oder endet.
Es geht um weit mehr als Geld
Finanzielle Selbstständigkeit bedeutet Sicherheit. Sie bedeutet Wahlmöglichkeiten. Und sie bedeutet die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können.
Fehlt diese Freiheit, entstehen Abhängigkeiten, die weitreichende Folgen haben können. Betroffene berichten von Unsicherheit, Angst, Scham und dem Gefühl, keine Kontrolle mehr über das eigene Leben zu besitzen.
Besonders in Trennungs- oder Krisensituationen wird oft sichtbar, wie verletzlich Menschen durch finanzielle Abhängigkeit geworden sind.
Ein Thema, das uns alle angeht
Ökonomische Gewalt kann Menschen jeden Alters und jeder sozialen Schicht betreffen. Bestimmte Lebenssituationen erhöhen jedoch das Risiko.
Dazu zählen etwa Karenzzeiten, Teilzeitbeschäftigung, längere Erwerbsunterbrechungen oder die Übernahme von Betreuungs- und Pflegeaufgaben. Häufig sind deshalb Frauen besonders betroffen.
Umso wichtiger ist es, gesellschaftlich über dieses Thema zu sprechen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Gewalt nicht immer sichtbar sein muss.
Sensibilisierung als wichtiger Schritt
Als regionale Bank beschäftigen wir uns täglich mit finanziellen Fragen. Dabei stehen nicht nur Zahlen und Konten im Mittelpunkt, sondern vor allem die Menschen dahinter.
Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit Expert:innen der ifs Gewaltberatung und des Gewaltschutzzentrums Vorarlberg Workshops für Mitarbeiter:innen und Führungskräfte durchgeführt. Ziel war es, das Bewusstsein für ökonomische Gewalt zu schärfen, mögliche Warnsignale besser zu verstehen und die Perspektive Betroffener kennenzulernen.
Denn wer die Mechanismen dieser Form von Gewalt kennt, kann sie leichter erkennen – im beruflichen Umfeld ebenso wie im privaten.
Hinschauen schafft Handlungsspielräume
Ökonomische Gewalt ist keine Randerscheinung. Sie kann Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen treffen und bleibt dennoch häufig verborgen.
Umso wichtiger ist es, darüber zu sprechen. Nicht um Misstrauen zu säen, sondern um Bewusstsein zu schaffen.
Denn finanzielle Selbstbestimmung ist weit mehr als ein Kontostand. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil von Freiheit, Würde und gesellschaftlicher Teilhabe.
Hilfe und Unterstützung
Wer von ökonomischer Gewalt betroffen ist oder Anzeichen bei einer nahestehenden Person wahrnimmt, muss damit nicht alleine bleiben.
Das Gewaltschutzzentrum Vorarlberg bietet kostenlose und vertrauliche Beratung für Betroffene von Gewalt an. Dort erhalten Betroffene Informationen zu ihren Möglichkeiten, Unterstützung bei Schutzmaßnahmen und Begleitung auf ihrem weiteren Weg.
Gewaltschutzzentrum Vorarlberg
Johannitergasse 6, 6800 Feldkirch
Telefon: +43 5 1755-535
E-Mail: office.vorarlberg@gewaltschutzzentrum.at
Web: Gewaltschutzzentrum Vorarlberg
Niemand sollte aufgrund finanzieller Abhängigkeit in einer belastenden oder gewaltvollen Situation verharren müssen. Oft ist ein vertrauliches Gespräch der erste Schritt. Und manchmal ist genau dieser erste Schritt der Beginn einer Veränderung.